Dienstag, 22. August 2017

[Rezension] "Streetkid" von Jimmy Kelly





Verlag: Heyne I Leseprobe
Seiten: 253
Jahr: 2017
Ausgabe: Softcover
Preis: 19,99€
Meine Bewertung: 3/5
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In den Neunzigerjahren füllen Jimmy Kelly und seine Geschwister die größten Hallen und Stadien in Deutschland, verkaufen mehrere Millionen CDs und verdienen ein Vermögen. Doch der Erfolg hat seinen Preis: Der "Family" muss sich jeder unterordnen. Erst nach dem Tod des Vaters, der innerhalb der Familie die Fäden fest in der Hand hielt, schafft Jimmy Kelly den Ausstieg aus der Familienband – und steht vor dem Nichts, denn das Erbe ist weg. In seiner Not besinnt er sich auf seine Wurzeln und zieht wieder als Straßenmusiker durchs Land. In Streetkid erzählt er erstmals, wie er aus seiner größten persönlichen Krise zu seiner wahren Berufung und zu sich selbst findet. Ehrlich, menschlich, sehr persönlich (Verlag)
Erster Satz

"Aus dir wird mal was", sagte eine ältere Dame mit einem kleinen Hund im Arm zu mir. "Sie erinnern mich an jemanden...", fügte sie hinzu und warf einen Euro in meinen Gitarrenkoffer.

Meine Meinung

Ach ja, The Kelly Family ♥ Traum meiner Kindheit und frühen Jugend. 

Verknallt war ich abwechselnd mal in jeden der Jungs - aber bei Jimmy blieb ich zum Schluss dann hängen. So war es auch nicht verwunderlich, dass ich dieses Buch unbedingt lesen MUSSTE (!!!!)
Laut Klappentext ehrlich und persönlich...vielleicht wird ja sogar der ein oder andere Skandal aufgedeckt oder aus dem Nähkästchen geplaudert. So zumindest mein Gedanke, als ich das Buch dann endlich in die Hand nehmen konnte. Aber Pustekuchen! Insgesamt war das Buch dann doch recht entäuschend, was mich wirklich traurig macht.

Sie füllten riesige Hallen, traten in jeder TV-Show auf und es gab kaum eine Zeitung ohne ihr Coverbild. Sie verkauften alles was sich zu Merchandise umwandeln lies und wenn die Sache mit den Reality-Shows damals schon so weit gewesen wäre, wäre auch das ein Erfolg geworden. Eine Zeit lang wurde alles zu Gold, was diese Familie auch nur ansah. Umso schlimmer war es als alternder Fan, in dessen Herz noch immer ein Plätzchen für diese langhaarigen Stimmen ist, mit ansehen zu müssen, wie sie fast über Nacht alles verloren. Geld weg, Freunde weg und dann zerbrach auch noch die heile Familienwelt, die sie nach außen immer darstellten.

Plötzlich sah man sie nur noch getrennt. Einer ließ sich beim auswandern filmen, eine andere tanzte sich in die Herzen und wurde sicherlich Vorbild für das eine oder andere moppelige Mädchen, wieder ein anderer saß plötzlich als Mönch in einem französischen Kloster. Der Sportlichste der Familie ist aus Fernsehsendungen mit Extremsportarten gar nicht mehr wegzudenken und eine der Schwestern startete einen Versuch beim Supertalent, der ordentlich Fremdscham-Charakter hatte. Und dann die Meldung, dass ein Familienmitglied, nämlich Jimmy, wieder als Straßenmusikant unterwegs war. Spätestens da war allen klar - wer hoch fliegt kann auch tief fallen.

Was mir an diesem Buch wirklich extrem gut gefallen hat sind die ganzen Fotografien. Das Buch ist über und über mit schönen Farbfotos bestückt, die manchmal sogar zwei Seiten ausfüllen. Der Preis von fast 20€ ist also absolut gerechtfertigt. Leider sind es "nur" Bilder von der Straße. Natürlich ist auch das ein oder andere dabei, das sehr privat wirkt. So zeigt sich Jimmy, als er über seinen ersten Winter berichtet zum Beispiel dabei, wie er mit Plastiktüten versucht die Kälte von seinen Füßen fernzuhalten oder wie er mit seiner Gitarre und dem Wagen durch den Schnee läuft. Deutlich gezeichnet und mit starker Müdigkeit im Blick, sieht er sehr sorgenvoll aus. Das ist ein intimer Einblick, keine Frage. Doch mein kleines Fan-Herz hätte auch auf das ein oder andere Kinderbild oder bisher unveröffentlichte Familienbild gehofft. Ja, es geht in diesem Buch um Jimmy. Nur um ihn und seinen Weg zurück ins Leben - aber ich habe doch ein bisschen auf Familie gehofft.

Hier und da wird die Familie mal erwähnt. Zum Beispiel hat er einen guten Draht zu Patricia (♥) und Barby wohnt/e eine ganze Weile bei ihm und seiner Familie. Zwischendrin wird deutlich, dass er sich nicht mit allen gut versteht und man wartet nur drauf, dass nun endlich die Bombe platzt. Aber nein, mehr erfährt man nicht. Auf der einen Seite spricht das natürlich absolut für ihn und ist total verständlich, aber auf der anderen Seite wäre genau das der Punkt gewesen, der dieses Buch interessant gemacht hätte. Spannend ist es nämlich leider nicht wirklich.

Es war für mich absolut interessant mal die andere Seite der Straßenmusik kennenzulernen. Welche Gefahren dort lauern, was man sich von Passanten gefallen lassen muss und was passiert, wenn das Ordnungsamt um die Ecke kommt. Neben all den negativen Dingen, erwähnt Jimmy aber auch immer wieder die schönen Seiten seiner Arbeit. Wenn gestandene Männer plötzlich weinen, weil die Musik sie so tief berührt oder sich unter den verschiedensten Straßenkünstlern Freundschaften bilden. Doch leider besteht das Buch eigentlich aus nichts anderem. Es ist eben nicht "sehr persönlich" wie im Klappentext angekündigt. Zumindest nicht für mich als Leser. Dass keine Kohle mehr da ist und (fast) jeder Kelly verschuldet ist/war, ist ja kein Geheimnis. Dass man sich dann wieder hochkämpfen muss und der Weg von einer winzigen Schimmelwohnung bis zum Einfamilienhaus schwer und beschwerlich ist, sollte auch jedem klar sein. Für Jimmy als Autor sind das ganz persönliche Dinge, das will ich gar nicht in Abrede stellen - aber für mich persönlich einfach keine Überraschung.

Die Geschichten der Straße, die am Anfang noch so spannend, schockierend oder witzig sind, wiederholen sich eigentlich immer in wechselnder Reihenfolge. Wie Jimmy sich einen Platz zum Spielen aussucht, wird in jeder neuen Stadt beschrieben, ebenso wie die Männer und Frauen vom Ordnungsamt, die ihn darauf hinweisen, dass er nicht mit Verstärker spielen darf. In der einen Geschichte sind es Punks, die ihm das Leben schwer machen, in der anderen eine organisierte russische Bande. Zwischendrin immer wieder Geschichten über Menschen die seine Musik mögen und welche, die sie nicht mögen. Und das war es dann auch. Mehr ist es leider nicht. Für mich persönlich war das einfach zu wenig um eine bessere Bewertung zu bekommen.

Textstellen
 
Trotz meiner Suche nach meinem eigenen Weg kann ich meine Geschwister nicht völlig vergessen.
(Seite 127)

Wir hatten alles erreicht, was man sich als Band nur hatte erträumen können. Doch unsere Freundschaften zueinander gingen in die Brüche.
(Seite 131)

Fazit

Ein Buch, von dem ich mir mehr erhofft habe. Das ewig gleiche Muster und die sich fast gleichenden Geschichten sind wenig abwechslungsreich und sorgen nicht für Spannung. Allerdings sind die vielen (professionellen) Farbfotos wirklich schön.

Wer "schmutzige Familien-Wäsche" erleben möchte, wird sie hier nicht finden. Doch ist das Buch sehr informativ, wenn man wissen will wie es "hinter den Kulissen" bei Straßenmusikern zugeht.

Wer nicht viel mit dem Christentum anfangen kann, wird das ein oder andere Mal sicherlich mit den Augen rollen können/müssen/wollen. Jimmy ist gläubiger, als ich gedacht hätte.

Insgesamt war das Buch nicht schlecht, aber auch nicht das, was ich mir als ehemaliger Fan erhofft habe. Schade!


Ich danke dem Heyne Verlag für dieses Rezensionsexemplar!

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